Antisemitismus (& Rechtsextremismus) in Finnland

15. November 2009 um 08:00 | Veröffentlicht in Allgemein | Hinterlasse einen Kommentar
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Heute gibt es wieder ein politisches Thema bei uns zu lesen. Nur als kurze Anmerkung zu Beginn: Es ist klar, dass die Begriffe Rechtsextremismus und Antisemitismus nicht simultan zu verwenden sind. Manchmal werden aber nur Teilbereiche in den Quellen beleuchtet, so dass der Fokus in diesem Artikel nicht speziell auf eins von beiden gerichtet sein wird.




Die Zahlen der Juden in Finnland waren immer sehr gering: Um 1850 dürften etwa 300 Juden in Finnland gelebt haben. Denn erst ab 1858 erlaubte Alexander II., dass ausgediente Soldaten – auch jüdische – in Finnland leben durften. 1870 gehen die Schätzungen auf ungefähr 700 Juden. Zur Zeit des Ersten Weltkriegs waren es schon rund 1100.
Rechtsextremismus in Form von Antisemitismus ist daher auch in Finnland eher begrenzt vorgekommen. Antisemitische Schriften gab es zwar, aber nicht von zu großer Zahl. Auch die Zeitungen blieben meist neutral. Da aber viele Juden russische Vorfahren hatten oder direkt aus Russland immigrierten, projizierte sich eher die eigene Anti-Russland-Haltung auf die Juden und verursachte so ideologische Auseinandersetzungen. Erst durch den Einfluss aus dem Ausland, vorwiegend natürlich aus Deutschland, änderte sich dieses Bild etwas.
Zwar gab es stark nationalistisch geprägte Bewegungen, die auch aufgrund von Glaubensausrichtungen ihre Ideologie begründeten, diese hatten in Finnland aber nicht den stärksten Zulauf. Wobei ab 1933 der deutsche Einfluss auch in Finnland spürbar gewesen ist. Es ist ja auch ganz klar zu sagen, dass Finnland an der Seite von Deutschland im Zweiten Weltkrieg kämpfte.
Trotz der Position der Politik, die zu der Zeit aus einer Koalition der bürgerlichen und der sozialdemokratischen Partei unter dem eher rechtsgerichteten Vainö Tanner bestand, schien es bis vor kurzem so, als wäre man seinem Ziel der Unabhängigkeit und Freiheit auch im nationalsozialistischen Europa treu geblieben. Lange Zeit wurde immer wieder betont, dass es seitens Deutschlands nur ein inoffizielles Auslieferungsgesuch für die finnischen Juden durch Himmler gegeben habe, man sich diesem aber widersetzte. Da die Juden auch Soldaten waren und gegen die Sowjetunion kämpften, hätte in Finnland keine Judenfrage bestanden – wie der damalige Premier J. W. Rangell rekapitulierte.
Seit 2003 ist aber klar, dass auch Finnland in dieser Hinsicht nicht unschuldig ist. Die Historikerin Elina Sana hat nachgewiesen, dass mindestens 129 Zivilisten an Deutschland ausgeliefert wurden. Denn die Valpo (finnische Staatspolizei) und die Gestapo arbeiteten eng zusammen, mit dem gemeinsamen Ziel der ‚Bekämpfung des Kommunismus‘. So soll es auch Beweise für die Auslieferung von 3000 sowjetischen Kriegsgefangenen an Deutschland geben, obwohl klar war, dass für sie ein Liquidierungsbefehl bestand. Insgesamt wurden so 70 Juden ausgeliefert, aber meist nicht aufgrund ihres Glaubens, sondern aufgrund ihrer politischen Zugehörigkeit zum Kommunismus.
Eigentlich hatte man seit 1979 geglaubt, die einzigen Auslieferung an Deutschland hätte 1942 stattgefunden, als acht jüdische Flüchtlinge in Finnland Schutz gesucht hatten, aber von den finnischen Behörden auf dem Schiff S/S Hohenhörn in deutsche Konzentrationslager deportiert wurden.
Das Thema der Auslieferung und Finnlands weiterhin unklare Rolle bezüglich des Holocausts ist bis heute ein stark diskutiertes Thema. Es wird derzeit versucht Sanas Äußerungen weiter zu verifizieren oder zu widerlegen und weitere Informationen zu sammeln, auch wenn sich dies schwierig gestaltet, da bereits ab 1943 damit begonnen wurde Akten zu vernichten. Die finnische Geschichtsschreibung war auch nach dem Krieg bemüht, die Ehre Finnlands zu retten. Es dauerte also eine Zeit, bis der demokratische und freiheitliche Gedanke auch in der Geschichtsschreibung wieder Einzug erhielt.




Heutzutage ist Rechtsextremismus weiterhin ein Thema. In Finnland, wie auch in Deutschland, gibt es Personen, die sich auch in einer internationalen Szene beteiligen, die vor allem durch das Internet ermöglicht wird. Neben gemeinsamen Veranstaltungen und Planungen findet auch ein Handel mit möglicherweise im eigenen Land verbotenen Gegenständen statt. Vor allem aber Musik bietet eine Grundlage für solchen Gedankenaustausch. International tätig sind beispielsweise die Organisationen Blood and Honour oder Hammerskins.
Für Finnland selbst gilt, dass es auch dort durchaus entsprechende Organisationen gibt. So gibt es zum Beispiel die Partei „Wandel 2011“, die wir bereits hier kurz vorstellten oder die „Wahren Finnen“ (Perussuomalaiset). Sie gingen aus der ‚Bauernpartei‘ hervor und landeten bei der Wahl im Juni 2009 bei rund 10% der Stimmen. Einer ihrer Hauptpunkte ist der Skeptizismus gegenüber der EU. Außerdem bekannt sind auch „Blauweiß des finnischen Volkes“ (Suomen Kansan Sinivalkoiset), die aber 2007 ihren Status als Partei verloren.
Solche rechtspolitischen Tendenzen sind auch in bestimmen Subkulturen deutlich vertreten, es gibt also eine relativ große neonazistische „Kultur“. In den 90ern fand beispielsweise die Skinheadbewegung ihren Höhepunkt (wobei man natürlich nicht pauschal Skinheads mit Nazis gleichsetzen darf/kann). Vor allem aber ist die National Socialist Black Metal-Kultur (NSBM) stark vertreten, die Elemente aus dem Nationalsozialismus und heidnischem Götterglauben kombinieren. Konzerte und weitere Veranstaltungen werden vor allem durch die Netzwerke Blood and Honour und Die heidnische Front (The Pagan Front) organisiert. Vor allem durch Musik werden viele Jugendliche erst an die nationalsozialistischen Ideologien herangeführt; über die Musik erfolgt auch eine Identifikation und Szeneangehörigkeit.
Der finnische Staat versucht konsequent gegen Rechtsextremismus vorzugehen, so gab es bereits staatliche Initiativen für Toleranz. Die Probleme werden aber eher marginalisiert, wobei die Polizei durchaus die rechtlichen Mittel zur Verfolgung nutzt.



Quellen:
Kuparinen, Eero: Antisemitismin musta kirja – Juutalaisvainojen pitkä historia, Jyväskylä: Atena, 2008
Beer, Angelika:Europa im Visier der Rechtsextremen, 2008
Alho, Olli (Hrsg.): Kulturlexikon Finnland, aus dem Englischen von Gisbert Jänicke, Helsinki. Finnische Literaturgesellschaft. 1998.
Endstation Rechts
Helsinki und der Holocaust

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