Kalevala
11. Oktober 2009 um 09:00 | Veröffentlicht in Kultur, Literatur, Musik | Hinterlasse einen KommentarSchlagwörter: Amorphis, Kalevala, Karelien, Koirien Kalevala, Lönnrot
Heute schreibe ich von einem Werk, das wir schon öfter mal in einigen Artikeln erwähnt haben: Kalevala. Die häufige Nennung deutet schon an, dass dieses Buch einen recht großen Einfluss in Finnland hatte bzw. immer noch hat. Es gilt als Finnlands Nationalepos und wird von Liebhabern des Genres auch weit über Finnlands Grenzen hinaus gelesen.
In diesem Artikel werde ich zuerst kurz den Inhalt zusammenfassen, dann etwas über die Entstehungsgeschichte des Werks und den Sprachstil erzählen und schließlich auf seine Wirkung – speziell modernere Aufgriffe – eingehen.
Im Kalevala gibt es mehrere Handlungsstränge. Das Werk beginnt mit der finnischen Version der Entstehung der Welt, in der kurz gesagt einige Enteneier zerbrechen und den Kosmos bilden und außerdem Ilmatar im Gebären des Urzeitsängers Väinämöinen eine Meerlandschaft erschafft. Väinämöinen ist nun eine der zentralen Figuren des Epos und mit ihm die Helden Ilmarinen und Lemminkäinen. Die drei verbringen viel Zeit damit, um die Tochter von Louhi, der Herrscherin des Nordlandes, zu werben. Außerdem streiten sie mit Louhi um dem mystischen Sampo, der Wohlstand bringt und von Ilmarinen für Louhi geschmiedet wurde. Der Sampo zerbricht dabei.
Die berühmteste Handlung um Lemminkäinen ist, wie er beim Versuch, den Schwan vom Totenfluss Tuonela zu töten, zerstückelt wird, dann aber von seiner Mutter mit einer Harke wieder aus dem Fluss gefischt und zum Leben erweckt wird. Hier ein Gemälde dazu von Akseli Gallen-Kallela:
Außerdem gibt es noch die Geschichte von Kullervo, die an das Schicksal von Ödipus erinnert. Das Kalevala endet mit der christlich beeinflussten Erzählung von Marjatta, die von einer Preiselbeere schwanger wird. Das Kind wird Herrscher von Karelien, woraufhin Väinämöinen das Land verlassen muss.
Wie ist nun diese lustige Geschichte mit ihren vielen Handlungssträngen entstanden?
Das Kalevala, wie es heute vorliegt, ist das Werk vom finnischen Schriftsteller, Philologen und Arzt Elias Lönnrot (1802-1884). Er selbst hätte das damals aber wohl ein bisschen anders gesehen. Die Grundlage für das Kalevala sind finnische Volksdichtungen, die in der Epoche der Romantik, als diese Tradition schon im Aussterben war, großes Interesse weckten (Vgl. auch den Artikel zum Karelianismus ). Diese Kunst des einfachen Volkes wurde mündlich überliefert und in gesungener Form vorgetragen. Hier kann man sich so was mal anhören. Lönnrot und einige andere Zeitgenossen kamen nun auf die Idee, das aufzuzeichnen (mit Stift und Papier natürlich). Sie sahen in der Volksdichtung noch viel mehr, nämlich die verstreuten Überreste eines Urepos, die gesammelt und wieder zusammengesetzt werden mussten, und außerdem die Reste der „wahren finnischen Kultur“, was damals, in einer Zeit der nationalen Identitätsfindung, äußerst bedeutsam war.
Lönnrot und seine Kollegen hatten also Grund genug durch das ganze Land und vor allem durch Karelien zu stiefeln (ja, vor allem zu Fuß, außerdem per Pferd oder Ruderboot) und sich in mühseliger Arbeit von berühmten Liedersängern ihr Repertoire vortragen zu lassen und per Hand mitzuzeichnen. Lönnrot selbst unternahm neun solche Sammelreisen, wo er jeweils meist mehrere tausend Verse aufzeichnete.
Mit dieser Menge an Material und zusätzlich dem von Gehilfen und Kollegen schuf er das Kalevala als Gesamtwerk mit (einigermaßen) durchgängiger Handlung. Dazu hat er sortiert und verschoben und auch einige Verse selbst gedichtet. Die endgültige Ausgabe des Kalevala erschien 1849 und enthält fast 23.000 Verse, die in 50 Gesänge (also Kapitel, man sagt auch „Runen“; finn. runo = Gedicht) unterteilt sind.
Dies ist eine wunderbare Gelegenheit, um zum sprachlichen Stil des Kalevala überzugehen. Es gibt also Verse, so viel wissen wir schon. Hier mal ein Beispiel:
Mieleni minun tekevi,
aivoni ajattelevi
lähteäni laulamahan,
saa’ani sanelemahan,
sukuvirttä suoltamahan,
lajivirttä laulamahan.
Sanat suussani sulavat,
puhe’et putoelevat,
kielelleni kerkiävät,
hampahilleni hajoovat.
Das sind die ersten Zeilen des Kalevala. Die Übersetzung von Hans Fromm lautet folgendermaßen:
Mich verlangt in meinem Sinne, mich bewegen die Gedanken,
An das Singen mich zu machen, mich zum Sprechen anzuschicken,
Stammesweise anzustimmen, Sippensang nun anzuheben.
Worte schmelzen mir im Munde, es entstürzen mir die Mären,
Eilen zu auf meine Zunge, teilen sich an meinen Zähnen.
Zwei aufeinanderfolgende Verse gehören inhaltlich (fast) immer zusammen. Den deutschen Übersetzern hat es gefallen, das direkt in eine Zeile zu schreiben. Dies ist auch schon ein wichtiges Stilmittel des Kalevala: Parallelismus. Zwei Verse können synonym (gleichbedeutend), analog (gleichartig) oder aber auch antithetisch (gegensätzlich) sein. Diese Einteilung ist natürlich ein bisschen subjektiv, wie man bei einem eigenen Versuch an diesen fünf Versen da oben sogleich feststellen kann.
Das andere wichtige Stilmittel des Kalevala ist die Alliteration bzw. der Stabreim, also mehrere Wörter eines Verses beginnen mit dem selben Laut. Das kann man auch ohne eigene Finnischkenntnisse am originalen Textbeispiel gut nachvollziehen. „Mieleni minun tekevi“ usw. Endreime, wie es bei uns im Indogermanischen üblich ist, gibt es hingegen nicht.
Das Versmaß – Kalevala Versmaß genannt und auch in anderen Textformen verwendet – ist ein trochäischer Tetrameter. Damit ist gemeint, dass jeder Vers aus vier Trochäi, also Hebung + Senkung, besteht. Die Silbenanzahl beträgt acht, manchmal auch neun oder zehn. Ein drittes wichtiges Kriterium ist die Silbenlänge, die in der finnischen generell recht wichtig ist (die Länge von Vokalen und Konsonanten ist bedeutungsunterscheidend). Das spielt alles auf recht komplexe Weise zusammen. Je nachdem, an welcher Stelle des Verses eine Silbe steht, darf sie u.U. nur lang oder nur kurz sein.
Nun zuletzt noch ein paar Worte zur Wirkung des Kalevala. Die Bedeutung des Kalevala „früher“ kann man am besten im Artikel über Karelianismus nachlesen. Aber auch in jüngster Zeit wird das Kalevala thematisch immer wieder von den unterschiedlichsten Menschen aufgegriffen. Zum Beispiel in der Musik: Nicht nur Sibelius hat gerne die Texte aus dem Kalevala vertont, sondern auch die finnische Metal-Band Amorphis, welche allerdings eine englische Übersetzung nutzt (Album: Tales from the Thousand Lakes). Weiterhin werden der Kullervo-Stoff (Album: Eclipse) und die Geschichte um Lemminkäinen (Album: Silent Waters) thematisch verarbeitet. Mit Lemminkäinen hat sich auch die stilistisch etwas kitschiger veranlagte Metal-Band Amberian Dawn befasst. Und dann gibt es noch einige Bands mehr.
Andere Zielgruppen werden zum Beispiel beim zeitgenössischen finnischen Komponisten Einojuhani Rautavaara fündig, der eine Oper über den Sampo geschrieben hat. Es gibt noch einige mehr Opern, die sich mit dem Kalevala beschäftigen.
Ein paar Filme zum Kalevala gibt es auch. Der neuste davon trägt den Namen „Jadesoturi“ („Jade Warrior“) und ist eine Finnisch-Chinesische Produktion aus dem Jahr 2008.
Kalevala wurde auch in literarischer Form verwertet, zum Beispiel im Roman „Sankarit“ von Johanna Sinisalo. Äußerst berühmt bei Kindern ist das Hundekalevala (Koirien Kalevala) des berühmten finnischen Kinderbuchautoren Mauri Kunnas. Dort werden auch die bekannten Werke von Akseli Gallen-Kallela nachgezeichnet. Diesem Prinzip folgt auch ein Donald Duck Comic mit dem Titel „Sammon salaisuus “. Hier gibt es ein paar Scans in verschiedenen Sprachen.
Man sieht, dass es also hilfreich sein kann, sich mit dem Kalevala ein bisschen auszukennen, wenn man sich für finnische Kunst interessiert.
Hier noch ein paar Links:
Kalevala auf Finnisch
Kalevala auf Englisch
Karelische Piroggen
4. August 2009 um 13:50 | Veröffentlicht in Essen, Kultur | Hinterlasse einen KommentarSchlagwörter: backen, Butter, Essen, finnisch, Finnland, Karelien, karelisch, Marimekko, Mehl, Piroggen, Reis, Reispiroggen, Rezept, Teig, Tradition, Traditionsessen, typisch, Wasser
Da ich mich heute an die Eigenproduktion von karelischen Piroggen begebe, hab ich gedacht, ich könte euch das Rezept auch kurz online stellen. Vielleicht möchtet ihr dieses traditionelle, finnische Gericht auch selbst mal versuchen. Ich kann es euch jedenfalls nur empfehlen.
Ihr braucht für eure Piroggen erstmal Folgendes: (dunkles) Roggenmehl, (normales) Mehl, Wasser, Salz, Eier, Milchreis, Milch und Butter
Für den Teig vermischt ihr zu gleichen Teilen Roggen- & normales Mehl mit Wasser und Salz. Ich hab heute etwa einen halben Liter Wasser genommen, es kommt natürlich darauf an, wie viele Piroggen ihr letztlich haben wollt. Daher fangt lieber klein an, Teig nachzuarbeiten ist kein Problem. Denn das Einzige, das man mit diesem Teig machen muss, ist kneten – bis er so richtig schön klebrig ist. Dann stellt ihr ihn in den Kühlschrank.
Für die Füllung müsst ihr Milchreis kochen. Ich habs heute mit 250g Milchreis versucht (+ einen Liter Milch). Den Milchreis kochen und bitte das Salz nicht vergessen. Anschliessend ziehen lassen. Wenn der Milchreis kalt genug(!) ist, gebt ihr ein Ei dazu – für die Bindung der Masse.
Nun habt ihr die zwei Komponenten – jetzt müssen sie nur noch zusammen gefügt werden. Das bedeutet ihr knetet den Teig nochmal richtig durch und rollt dann jeweils kleine Stückchen aus – so groß wie die Grundform eurer Piroggen sein soll. Dann gebt ihr etwas Milchreis-Mischung dazu und faltet die Kanten. Achtet drauf, dass die Kanten nicht abstehen, sondern aufliegen, sonst verbrennen sie sehr schnell. Wenn ihr eure Piroggen nun geformt habt, bestreicht ihr sie noch mit einer Butter-Ei Mischung. (Butter erwärmen, Ei dazu, aber ohne das es stockt.)
Dann müssen die Piroggen noch kurz, für etwa 15-20 Minuten, in den Backofen bei 250°.
Ihr könnt, wenn ihr möchtet, als kleine Zugabe noch 2-3 Eier kochen und diese mit dem Rest Butter verühren. Dann habt ihr “Munavoi”, also Eierbutter, die man ganz hervorragend auf die Piroggen schmieren kann.
Quellen: “Rezeptwoche”
“Heimische Küche”
Rezeptübermittlung beim Backen mit Finnen
Karelien als finnische Ideallandschaft
19. Juli 2009 um 18:10 | Veröffentlicht in Allgemein | 1 KommentarSchlagwörter: Akseli Gallen-Kallela, Architektur, Elias Lönnrot, Eliel Saarinen, Epos, finnisches Nationalmuseum, Geschichte, Jean Sibelius, Kalevala, Karelianismus, Karelien, Künstler, Malerei, Nationalromantik, Ostfinnland, Russland, Volksdichtung
Karelien – das ist das Gebiet welches heute hauptsächlich Ostfinnland und die russische Republik Karelien umfasst – spielte eine bedeutsame Rolle in der nationalen Identitätsfindung Finnlands. In Karelien, so glaubte man, ließen sich die letzten Überreste des Ur-Finnischen finden, noch unbeeinflusst von Schweden. Von den bösen Schweden, zu deren Reich Finnland lange Jahre gehört hatte, musste man sich nämlich abgrenzen.
Die Geschichte Kareliens ist wechselhaft und spannend. Aufgrund seiner Lage war die Landschaft schmerzhaft oft Kriegsschauplatz. Als große Teile nach dem zweiten Weltkrieg der Sowjetunion zufielen, waren viele Menschen gezwungen ihre Heimat zu verlassen.
In diesem Artikel werde ich speziell die kulturelle Bedeutung der nationalromantischen Strömung des Karelianismus (die also Karelien toll fand) Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts anhand von einigen wichtigen Persönlichkeiten aufzeigen. Das sind übrigens ziemlich wichtige Menschen der finnischen Geschichte, auch wenn man sie bei uns kaum kennt.
Der Ursprung des Karelianismus als große Strömung liegt wohl im Werk des Elias Lönnrot. Er war einer derjenigen, die durch entlegene Regionen reisten, um die mündlich überlieferte Volksdichtung aufzuzeichnen, von der es damals, im frühen 19. Jahrhundert, noch einige Überreste gab. Von seinen Sammelkollegen hob er sich deshalb so bedeutsam ab, weil der die Lieder ordnete, ein paar Sachen dazu dichtete und so ein (relativ) einheitliches Epos schuf – das Kalevala. Die erste Version erschien 1835.
Das Werk wurde mit der Zeit so gehyped, dass eine richtige Karelienbegeisterung entstand und allerlei Künstler, Schriftsteller, Volkskundler, Sprach- und Folkloreforscher Pilgerfahrten nach Karelien unternahmen um dort die letzten Reste der „wahren finnischen Kultur“ zu erleben.
Einer von ihnen war der hauptsächlich als Maler bekannte Akseli Gallen-Kallela. Wer einmal das finnische Nationalmuseum in Helsinki besucht hat, konnte dort in der Eingangshalle Deckenfresken von ihm bewundern, die Szenen aus dem Kalevala darstellen. Seine Bilder prägen die Vorstellung von der Welt des Kalevala immer noch stark.
Ein weiterer wichtiger – und eventuell sogar einem breiteren Publikum bekannter – Karelienreiser war der Komponist Jean Sibelius. Einige seiner sinfonischen Dichtungen vertonen Geschichten aus dem Kalevala. Er hörte sich auch den „originalen“ Vortrag der Volksdichtungen an und lies Aspekte der Harmonik, die nämlich noch nicht vom Dur-Moll-System eingenommen war, in seine Werke einfließen. Auf der anderen Seite musste er sich aber auch gegen die Annahme wehren, seine Melodien und Ideen seien allesamt aus der finnischen Volksmusik entlehnt.
Nicht zu übersehen ist die Nationalromantik in der finnischen Hauptstadt. Hier hat sich die Architektur von der traditionellen Architektur Finnlands und Kareliens und außerdem vom Kalevala inspirieren lassen. Der Bedeutendste Vertreter dieser Strömung ist wohl Eliel Saarinen. Von ihm stammen unter anderem der Hauptbahnhof von Helsinki und das finnische Nationalmuseum.
Der bedeutendste Schriftsteller jener Zeit war übrigens Eino Leino, der hierzulande viel zu wenig bekannt ist. In Finnland ist er immer noch einer der beliebtesten Lyriker. Auch Eino Leino hat sich Teils an die kalevalische Dichtung angelehnt.
Zum Abschluss bewundern wir nun noch ein Bild von Koli, einem besonderen Punkt in Karelien, aus. Koli ist ein für finnische Verhältnisse ziemlich hoher Hügel (347 Meter) mit einer besonders schönen Aussicht, von der sich viele Künstler inspirieren ließen und immer noch lassen. Ein Ausflug dahin lohnt sich. Wie am Foto sichtbar, habe ich eher bescheidene Wetterverhältnisse erwischt.

Blick vom Koli
Quelle:
Alho, Olli (Hrsg.): Kulturlexikon Finnland, aus dem Englischen von Gisbert Jänicke, Helsinki. Finnische Literaturgesellschaft. 1998.
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