Die Anfänge der finnischen und finnlandschwedischen Literatur

30. August 2009 um 17:10 | Veröffentlicht in Geschichte, Kultur, Literatur, Sprache | 2 Kommentare
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Literatur aus den nordischen Ländern erfreut sich immer größerer Beliebtheit in Mitteleuropa. Irgendetwas scheinen die skandinavischen und finnischen Autoren zu haben, das uns besonders anspricht. Ist es das besondere Lebensgefühl dort oben, welches durch die Werke vermittelt wird?

Wie sich die Eigenheiten der finnischen und finnlandschwedischen Literatur entwickelt haben und wodurch sich diese von der skandinavischen Literatur unterscheidet, werden wir in einer Reihe von Artikeln beleuchten. Außerdem werden wir aufzeigen, wie sehr die Literaturgeschichte mit der nationalen Entwicklung zusammen hängt. Heute beginne ich mit den Anfängen bis hin zum 19. Jahrhundert.

Wir beginnen im Mittelalter und stellen sogleich fest, dass es hier nicht besonders viel zu entdecken gibt. Es gab kirchliche Schriften und die waren auf Latein. Später wurden auch ein paar Sachen ins Schwedische übersetzt (die Schweden haben sich seit dem 12. Jahrhundert in Gebieten des heutigen Finnlands breit gemacht), aber eine finnische Schriftsprache existierte nicht, genau so wenig wie nennenswerte literarische Erzeugnisse.

Dann kam ab 1528 die Reformation nach Finnland und mit ihr wirkte ein ganz wichtiger Mensch, nämlich der “Vater der finnischsprachigen Literatur und der finnischen Schriftsprache”, Mikael Agricola (ca. 1510 – 1557). Agricola war vermutlich finnischer Muttersprachler, aber da er in einer Gegend aufwuchs, in der hauptsächlich Schwedisch gesprochen wurde, lernte er diese Sprache wohl auch schon sehr früh.

Sein Hauptwerk ist die Übersetzung des Neuen Testaments aus dem Griechischen ins Finnische nach dem Vorbild Luthers. Außerdem war er ein Anhänger des Humanismus. Sein Wirken sollte der lutherischen Kirche und der geistlichen Erziehungsarbeit dienen.

Sein erstes Werk und damit das erste finnischsprachige Buch überhaupt ist das abckirja (dt. ABC-Buch, Stockholm 1543, 1551, 1559). Das ist eine Fibel und in ihr steht, wie der Name sagt, das Alphabet, außerdem unter anderem die Zehn Gebote, einige Gebete und ein Verzeichnis der finnischen Zahlwörter. Hier kann man den Originaltext lesen. Beachtenswert ist die lustige alte Rechtschreibung. Und hier ist ein hübscher Holzschnitt, der Agricola zeigt.

Wir überfliegen mal kurz die Zeit vom Barock zum Rokoko. Da wurde die Universität von Turku gegründet (1640) – also die erste Universität Finnlands! 1642 folgte die erste Buchdruckerei. Hauptsächlich wurde auf Latein veröffentlicht, aber auch auf Finnisch gedichtet.

In der Zeit der Aufklärung gab es eine wichtige Entwicklung für die finnische Volksdichtung. Da hat Henrik Gabriel Porthan (1739 – 1804), der als Vater der finnischen Geschichtsschreibung gilt, die erste anspruchsvolle Studie über finnische Volksdichtung (De Poesi Fennica) geschrieben. Das hat das Bild von der Volksdichtung radikal verbessert.

Richtig interessant wird es aber jetzt erst in der Romantik. Hier begann die eigentlich bedeutsame literarische Kultur Finnlands langsam aufzublühen. Von besonderem Einfluss waren die Gedanken Johann Gottfried von Herders (1744 – 1803), einem Dichter und Philosophen der Weimarer Klassik. Herder fand, die Kraft der Poesie liege weder in ihrer Gelehrtheit noch in ihrer Bildung, sondern in ihrem lebendigen Verhältnis zur Natur und zum Volk, und sprach den Finnen damit aus der Seele. Man begab sich also in die Natur, um Gott und das finnische Volk und sich selbst zu erkennen. Dies wurde zum Fundament der finnischen Nationalromantik, die von großer Bedeutung für den Aufbau der finnischen Identität war.

Und nun ein bisschen Kulturgeschichte in Kurzfassung. Die Bildungsschicht in Finnland war schwedischsprachig. Die Romantiker in ganz Europa haben die Bedeutung der Volkssprachen und den Wert der Dialekte gepriesen. Also haben die Romantiker in Finnland versucht die Bildungsschicht davon zu überzeugen, ihre Muttersprache zu Gunsten von Finnisch aufzugeben. Diese Romantiker waren selbst schwedischsprachig. Die „Elite“ wollte also ihre eigene Muttersprache gegen die des gemeinen Volkes tauschen!

Ab 1810 wurde die finnische Nationalromantik zu einer breiteren kulturellen Strömung. 1831 wurde die Finnische Literatur-Gesellschaft (Suomalaisen Kirjallisuuden Seura) gegründet, die sehr bedeutsam für die Entwicklung finnischsprachiger Literatur war.

Jetzt berichte ich aber trotzdem zuerst von einem wichtigen Schriftsteller, der auf Schwedisch verfasste und kaum Finnisch beherrschte – Johan Ludvig Runeberg (1804 – 1877). Sein Literaturbegriff und seine Ästhetik basierten auf der idealistischen deutschen Philosophie, auf der neuhumanistischen Tradition und auf der Romantik. Er fand also Volksdichtung auch toll, denn das sei die Literatur, die der Natur am nächsten stehe, und in der Natur offenbare sich Gott.

Von Runeberg stammt der Text der finnische Nationalhymne Vårt land (dt. Unser Land), bzw. in finnischer Übersetzung Maamme laulu. Es ist das erste Gedicht aus dem Werk Fänrik Ståls sägner (dt. Die Sagen des Fähnrich Stahl, 1848). Das ist eine Sammlung romantischer erzählender Kriegsgedichte (wie auch immer so was aussehen soll – ich habe es noch nicht gelesen) über den Finnischen Krieg von 1808/09 zwischen Schweden und Russland. Der Text der Hymne ist hier ganz schön auf Schwedisch, Finnisch und Deutsch nebeneinander gestellt. Runeberg war in keiner Weise radikal und schrieb nie etwas kritisches gegen die Herrscher (Finnland gehörte inzwischen zu Russland). Probleme mit Zensur hatte er also nie.

Als nächstes kommt endlich ein finnischer Muttersprachler: Elias Lönnrot (1802 – 1884). Er schuf das bereits hier und da mal in Artikeln erwähnte Kalevala, das Nationalepos der Finnen. Dazu reiste er kreuz und quer durch Finnland, um Volksdichtung aufzuzeichnen, welche er dann zu einem Gesamtwerk verknüpfte. Der Ansicht der Zeit folgend glaubte er nämlich, dass Volksdichtungen die verstreuten Reste eines einheitlichen Urepos seien. 1833 erschien die erste Ausgabe des Kalevala und 1849 dann die endgültige, welche 50 Lieder (oder auch Runen genannt) und insgesamt nahezu 23000 Verse enthält.

Das Kalevala handelt unter anderem von dem Kampf zwischen dem Reich Pohjola und dem Reich Kalevala, aber es gibt noch einige andere Handlungsstränge. Die wichtigsten Personen sind Väinämöinen, Ilmarinen, Lemminkäinen und Louhi. Wir werden uns dem Thema sicher noch mal ausführlicher widmen. Sollte dieses sprachlich wunderschöne Werk jemand lesen wollen, so ist die Übersetzung von Hans Fromm empfehlenswert.

Von Lönnrot zusammengestellt wurde außerdem das lyrische „Schwesterwerk“ des Kalevala, Kanteletar, welches 652 Lieder und Balladen mit insgesamt 22.201 Versen enthält.

Das Treiben von Runeberg und Lönnrot wurde von einem weiteren wichtigen Zeitgenossen eher kritisch beäugt. Johan Vilhelm Snellman (1806 – 1881) war der wohl wichtigste gesellschaftliche Meinungsführer seiner Zeit in Finnland. Der Philosoph, Journalist, und Staatsmann hatte sich der Philosophie Hegels voll und ganz verschrieben. Er forderte eine radikale Fennifizierung, weil seiner Meinung nach der Nationalgeist eines Volkes in der Volkssprache zum Ausdruck kommt. Und daher sei die Existenz einer finnischen Nation (wir erinnern uns: Finnland gehörte zu Russland) ohne Finnisch als Kultursprache nicht möglich.

Runeberg disqualifiziere sich Snellmans Ansicht nach durch den Gebrauch der schwedischen Sprache und Lönnrot hinge der Literatur einer vergangenen Epoche nach.

Snellman war auf jeden Fall total wichtig für die finnische Identitätsbildung und auf dem Weg in die Unabhängigkeit.

Dieser Konflikt zwischen Snellman und den Romantikern – Kultur und Bildung vs. Natur und Volkssprache – wurde ein paar Jahre später aufgelöst vom Journalisten, Schriftsteller, Märchenerzähler, Geschichtsprofessor und Universitätsdirektor Zacharias Topelius (1818 – 1898).

Er verband die romantische Naturbewunderung mit Kultur und Geschichte und fügte die Auffassungen Snellmans und Runebergs zu einer Vaterlandsidee zusammen.

So, das war der erste (und sehr lang geratene) Teil über die finnische Literaturgeschichte. In ein paar Wochen (soll ja nicht zu monoton werden) geht es weiter mit dem nächsten Teil über den eigentlichen Beginn der finnischsprachigen Literatur.

Quellen:

Laitinen, Kai: Finnische Literatur im Überblick. Aus dem Finnischen von Justa Holz-Mänttäri. Helsinki: Otava Verlag 1989.

Lassila, Pertti: Geschichte der finnischen Literatur. Aus dem Finnischen von Stefan Moster. Tübingen: Francke 1996.

Ur- und Frühgeschichte Finnlands

16. August 2009 um 18:25 | Veröffentlicht in Geschichte, Sprache | Hinterlasse einen Kommentar
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Dieser Artikel soll einen winzigkleinen Einblick in die Verhältnisse in Finnland in vorhistorischer Zeit geben – also die Zeit, über die hauptsächlich archäologische Funde Aufschluss geben. Abgesehen von denen gibt es ein paar Berichte aus zweiter Hand von römischen und griechischen Autoren, gegen Ende der Frühzeit in Skandinavien Runeninschriften und außerdem kann man aus Verhältnissen späterer Zeiten Rückschlüsse ziehen. Besondere Beachtung wird in diesem Artikel den Ursprüngen der finnischen Sprache geschenkt.

Das Eis der letzten Eiszeit begann sich in Nordeuropa vor etwa 15000 Jahren zurückzuziehen, bis es vor etwa 7000 Jahren fast verschwunden war.

Die ältesten Spuren von Menschen, die man in Finnland gefunden hat, sind über 120000 Jahre alt, stammen also aus einer Zeit vor der letzten Gletscherbildung. Sie wurden 1996 in der Höhle Susiluola (Wolfshöhle) gefunden, die sich an der Küste des bottnischen Meerbusens befindet. Da die Höhle dem Druck des Gletschereises standhielt, kann man dort sehr alte Spuren menschlichen Lebens finden. Es ist noch umstritten, ob es sich bei jenen Menschen um Neandertaler handelte.

Mesolithikum/Mittelsteinzeit

Die frühesten Siedlungen nach dem Rückzug des Eises stammen aus dem 8. Jahrtausend v.Chr. Die Bewohner kamen vermutlich aus Richtung Süden und Südosten. Diese Kultur wird nach dem Hauptfundort der Spuren Suomusjärvi-Kultur genannt. Ihre Menschen lebten am Wasser und zogen den jahreszeitlich wechselnden Fangplätzen hinterher.

Welche Sprache diese steinzeitliche Bevölkerung sprach, ist nicht bekannt. Man vermutet, dass die östlichen Einwanderer eine uralische Sprache, die vom Westen ins Baltikum und von dort nach Finnland kommenden Menschen eine später völlig verschwundene Sprache sprachen. Diese verlorene Sprache war vermutlich nach Vereinigung beider Gruppen eine Zeit lang vorherrschend, bis sie allmählich aufgegeben wurde.

Neolithikum/Jungsteinzeit

Um etwa 4200 v.Chr. entwickelt sich in Finnland die Kammkeramik-Kultur, die – wie der Name schon sagt – Keramik herstellen konnte. Der Name Kammkeramik bezieht sich auf die Verzierung der Tongefäße, auf die wohl mit einem kammartigen Stempel ein immer wiederkehrendes Muster aufgebracht wurde.

Die Menschen blieben weiterhin Jäger und Sammler. Seit etwa 3000 v.Chr. finden sich Felsmalereien an finnischen Felswänden und Klippen. Vermutlich breiteten sich in der Zeit der Kammkeramik-Kultur (4200-1600 v.Chr.) unter anderem Bevölkerungsgruppen aus dem mittleren und oberen Wolgagebiet in Russland Richtung Westen, Nordwesten und Norden aus und brachten mit dem Wolgafinnisch die erste finnougrische Sprachform mit. Da diese Sprache von einer sozial überlegenen Bevölkerungsgruppe gesprochen wurde, konnte sie sich durchsetzen und entwickelte sich zu einer Vorform des Urfinnischen.

Ein paar Jahrhunderte später kam die Bootaxt- oder Schnurkeramik-Kultur (2300-2000 v.Chr.) aus Mitteleuropa über das Baltikum nach Finnland. Der Name Bootaxt-Kultur kommt von den bootförmigen Hammeräxten, von denen man Überreste in Finnland gefunden hat. Der Name Schnurkeramik-Kultur betont mal wieder die Form ihrer Keramik. Diese eingewanderte Kultur, welche sich in Südwestfinnland und an den finnischen Küstenlinien verbreitete, betrieb schon Ackerbau und Viehzucht und unterschied sich somit wesentlich von der Kammkeramik-Kultur.

Die meisten Menschen der Kammkeramik-Kultur passten sich recht schnell an und es bildete sich eine Art Grenze zwischen einer westlichen, „europäischen“ Gruppe und einem östlichen, „nicht-europäischen“ Jägervolk, welches die Kammkeramik-Kultur weiterentwickelte. Hier teilte sich auch das Vor-Urfinnische in einen urfinnischen (westlichen) und einen ursamischen (östlichen) Zweig. Außerdem lässt sich nun zweifelsfrei von der Existenz der Samen in Finnland als eigenständige Kultur mit eigener Sprache sprechen.

Bronzezeit

In Finnland gibt es nur wenige archäologische Funde aus der Bronzezeit (1500-500 v.Chr.). Vor allem in den Küstengebieten kamen Bronzewaffen und Bronzeschmuck aus Schweden in Mode. Die Menschen waren vor allem Skandinavien zugewandt und betrieben viel Handel. Ackerbau und Viehzucht hatten sich jetzt völlig durchgesetzt und wurden inzwischen auch im östlichen Kulturkreis betrieben.

Im Kontrast zur Skandinavien-Orientierung nahm auch der Kontakt zwischen der ursamischen Bevölkerung und der finnougrischen Bevölkerung Osteuropas zu, weil dort die meisten Metalle herkamen.

Vorrömische Eisenzeit

Um etwa 500 v.Chr. verschlechterte sich das Klima und die Bevölkerungszahl ging zurück. Grabbeigaben findet man aus dieser Zeit kaum, entweder weil das damals außer Mode kam oder weil die Handelsverbindungen abbrachen.

Weiterhin wanderten kontinuierlich neue Siedler nach Finnland ein. So bildeten sich die Charakteristika der verschiedenen Gebiete Finnlands aus, welche zu unterschiedlichen Zeitpunkten und aus unterschiedlichen Gebieten Einwanderer aufnahmen.

In den letzten Jahrhunderten vor Beginn der historischen Zeit erlebte während der Völkerwanderungszeit Österbotten (finn. Pohjanmaa) einen starken Aufschwung. Hierauf gründet sich die gewisse Eigenart, die dieser Region zugeschrieben wird. Der Ostseehandel blühte und mit ihm die Waffenherstellung und das künstlerische Handwerk. Etwas später wurden auch in Südwestfinnland die Kontakte nach Skandinavien intensiver.

Die ältesten Teile der finnischen Volksdichtung entstanden vermutlich in dieser Zeit, als germanische Werke wie die ältere Edda und das Beowulf-Epos ihren Weg nach Finnland fanden.

Finnland und die Wikinger

Finnland profitierte auch davon, an einem Handelsweg der Wikinger (um sie vereinfacht mal alle so zu nennen) gelegen zu sein. Es gab ein großes wirtschaftliches Wachstum im Land. An den Wikingerfahrten haben sich die Finnen aber mit Ausnahme der Åländer kaum beteiligt. Zur gleichen Zeit ging aus nicht sicher geklärter Ursache die Hochzeit von Österbotten zu Ende.

Die Gesellschaft bestand vermutlich aus wohlhabenden Bauern, Jägern und Kaufläuten, ebenso wie Besitzlosen und Knechten. Hingegen weist nichts auf die Existenz von politisch mächtigen Herrscherfiguren hin. Dies sollte sich erst in den Anfängen der Mittelalters ändern, als Schweden begann, erste ernsthafte Eroberungsversuche zu unternehmen.

Quelle: Ingrid Bohn – Finnland. Von den Anfängen bis zur Gegewart. In: Geschichte der Länger Skandinaviens. Herausgegeben von Jörg-Peter Findeisen. Regensburg: Verlag Friedrich Pustet, 2005.

Karelien als finnische Ideallandschaft

19. Juli 2009 um 18:10 | Veröffentlicht in Allgemein | 1 Kommentar
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Karelien – das ist das Gebiet welches heute hauptsächlich Ostfinnland und die russische Republik Karelien umfasst – spielte eine bedeutsame Rolle in der nationalen Identitätsfindung Finnlands. In Karelien, so glaubte man, ließen sich die letzten Überreste des Ur-Finnischen finden, noch unbeeinflusst von Schweden. Von den bösen Schweden, zu deren Reich Finnland lange Jahre gehört hatte, musste man sich nämlich abgrenzen.

Die Geschichte Kareliens ist wechselhaft und spannend. Aufgrund seiner Lage war die Landschaft schmerzhaft oft Kriegsschauplatz. Als große Teile nach dem zweiten Weltkrieg der Sowjetunion zufielen, waren viele Menschen gezwungen ihre Heimat zu verlassen.

In diesem Artikel werde ich speziell die kulturelle Bedeutung der nationalromantischen Strömung des Karelianismus (die also Karelien toll fand) Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts anhand von einigen wichtigen Persönlichkeiten aufzeigen. Das sind übrigens ziemlich wichtige Menschen der finnischen Geschichte, auch wenn man sie bei uns kaum kennt.

Der Ursprung des Karelianismus als große Strömung liegt wohl im Werk des Elias Lönnrot. Er war einer derjenigen, die durch entlegene Regionen reisten, um die mündlich überlieferte Volksdichtung aufzuzeichnen, von der es damals, im frühen 19. Jahrhundert, noch einige Überreste gab. Von seinen Sammelkollegen hob er sich deshalb so bedeutsam ab, weil der die Lieder ordnete, ein paar Sachen dazu dichtete und so ein (relativ) einheitliches Epos schuf – das Kalevala. Die erste Version erschien 1835.

Das Werk wurde mit der Zeit so gehyped, dass eine richtige Karelienbegeisterung entstand und allerlei Künstler, Schriftsteller, Volkskundler, Sprach- und Folkloreforscher Pilgerfahrten nach Karelien unternahmen um dort die letzten Reste der „wahren finnischen Kultur“ zu erleben.

Einer von ihnen war der hauptsächlich als Maler bekannte Akseli Gallen-Kallela. Wer einmal das finnische Nationalmuseum in Helsinki besucht hat, konnte dort in der Eingangshalle Deckenfresken von ihm bewundern, die Szenen aus dem Kalevala darstellen. Seine Bilder prägen die Vorstellung von der Welt des Kalevala immer noch stark.

Ein weiterer wichtiger – und eventuell sogar einem breiteren Publikum bekannter – Karelienreiser war der Komponist Jean Sibelius. Einige seiner sinfonischen Dichtungen vertonen Geschichten aus dem Kalevala. Er hörte sich auch den „originalen“ Vortrag der Volksdichtungen an und lies Aspekte der Harmonik, die nämlich noch nicht vom Dur-Moll-System eingenommen war, in seine Werke einfließen. Auf der anderen Seite musste er sich aber auch gegen die Annahme wehren, seine Melodien und Ideen seien allesamt aus der finnischen Volksmusik entlehnt.

Nicht zu übersehen ist die Nationalromantik in der finnischen Hauptstadt. Hier hat sich die Architektur von der traditionellen Architektur Finnlands und Kareliens und außerdem vom Kalevala inspirieren lassen. Der Bedeutendste Vertreter dieser Strömung ist wohl Eliel Saarinen. Von ihm stammen unter anderem der Hauptbahnhof von Helsinki und das finnische Nationalmuseum.

Der bedeutendste Schriftsteller jener Zeit war übrigens Eino Leino, der hierzulande viel zu wenig bekannt ist. In Finnland ist er immer noch einer der beliebtesten Lyriker. Auch Eino Leino hat sich Teils an die kalevalische Dichtung angelehnt.

Zum Abschluss bewundern wir nun noch ein Bild von Koli, einem besonderen Punkt in Karelien, aus. Koli ist ein für finnische Verhältnisse ziemlich hoher Hügel (347 Meter) mit einer besonders schönen Aussicht, von der sich viele Künstler inspirieren ließen und immer noch lassen. Ein Ausflug dahin lohnt sich. Wie am Foto sichtbar, habe ich eher bescheidene Wetterverhältnisse erwischt.

Blick vom Koli

Blick vom Koli

Quelle:

Alho, Olli (Hrsg.): Kulturlexikon Finnland, aus dem Englischen von Gisbert Jänicke, Helsinki. Finnische Literaturgesellschaft. 1998.

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